Zwischen „Ich mach mein Ding“ und „Ich bleib bei mir, auch im Kontakt mit dir“
Anna sitzt mir gegenüber und sagt diesen Satz, den ich inzwischen wie einen kleinen Alarmton im Coaching höre: „Ich will endlich autonom sein.“ Sie sagt es stolz. Und gleichzeitig klingt darunter etwas Müdes. So, als würde „autonom“ in Wahrheit bedeuten: Ich will niemanden mehr brauchen. Genau an dieser Stelle wird Autonomie oft missverstanden: nicht als Freiheit, sondern als Rückzug. Nicht als Reife, sondern als Schutz.
In der Zusammenfassung meines ZTA-Artikels „Autonomie – zwischen Freiheit und Verbundenheit“ beschreibe ich Autonomie als klassisches Entwicklungsziel der Transaktionsanalyse – Bewusstheit, Spontaneität und Intimität – und schlage dann eine relationale Perspektive vor: Autonomie sei mehr als ein Alleingang; sie entstehe in und durch Beziehungen.
Und ich formuliere dort eine These, die in Coaching- und Führungskontexten erstaunlich entlastend wirkt: Die Illusion völliger Unabhängigkeit kann in emotionale Isolation führen. Während „echte“ Autonomie die Fähigkeit meint, Nähe freiwillig zu gestalten, ohne sich selbst zu verlieren.
Zurück in die Sitzung: Ich frage sie nicht nach Zielen. Ich frage nach dem Preis. „Was kostet Sie dieses Autonomie-Verständnis? Stille. Dann: „Beziehung. Leichtigkeit. Manchmal sogar Freude.“
Wenn Autonomie zur Abwehr wird
In meiner Coaching-Praxis sehe ich Autonomie oft in zwei Verkleidungen:
- Autonomie als Rüstung: „Wenn ich niemanden brauche, kann mich niemand verletzen.“
- Autonomie als Flucht: „Wenn ich gehe, bevor du gehst, bin ich sicher.“
Das klingt zunächst paradox, denn Abwehr fühlt sich ja häufig nach Stärke an. Und im Inneren ist es häufig ein sehr alter Deal: Ich verzichte auf Verbundenheit, dafür muss ich keine Abhängigkeit riskieren.
Ein kurzer Realitätscheck aus der Motivationsforschung
Die Self-Determination Theory (SDT) setzt hier einen hilfreichen Gegenpunkt: Menschen brauchen nicht nur Autonomie, sondern auch Relatedness (Verbundenheit) und Kompetenz. Wenn diese Bedürfnisse genährt werden, steigen Motivation und Wohlbefinden; wenn sie chronisch frustriert werden, nimmt Wohlbefinden ab. (Ryan & Deci 2000). Autonomie gegen Verbundenheit auszuspielen ist damit nicht „reifer“, sondern psychologisch riskant: Es macht die Psyche hungrig nach Kontakt und gleichzeitig misstrauisch gegenüber genau diesem Kontakt.
Bindung: Freiheit braucht manchmal einen sicheren Hafen
Bindungstheoretisch lässt sich das als „secure base“ beschreiben: Ein sicherer Bezugspunkt unterstützt Exploration; also genau die Bewegung, die wir später „Autonomie“ nennen (Bowlby 1988). Autonomie wächst dann nicht trotz Beziehung, sondern aus Beziehung heraus: Ich gehe in die Welt und ich darf (innerlich oder äußerlich) zurückkommen, ohne beschämt zu werden. Hier schließt sich ein weiterer Kreis: Eriksons Entwicklungsmodell beschreibt früh die Spannung Autonomy vs. Shame/Doubt – und macht deutlich, dass „Autonomie“ nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern in einem Umfeld, das Sicherheit und Ermutigung zur Selbstständigkeit bietet (Orenstein & Lewis 2022).
Relationale Autonomie: Nicht weniger „Ich“ – sondern ein anderes „Wir“
In der Philosophie ist der Gedanke relationaler Autonomie seit Langem ausgearbeitet: Autonomie wird nicht als isolierte Unabhängigkeit verstanden, sondern als etwas, das sozial und relational mitgeformt ist: durch Beziehungen, Kontexte, Macht und Möglichkeiten (Mackenzie & Stoljar 2000).
Und genau hier liegt ein Kern-Mehrwert meines Artikels: Ich plädiere für eine TA-Praxis, die Kontexte, Machtverhältnisse und Bindungserfahrungen explizit mitdenkt. Autonomie wird dadurch „realistischer“: weniger Ideal, mehr lebendige Praxis.
Drei Felder, drei typische Autonomie-Momente
In ddem Artikel nenne ich drei Coachingfelder: Selbstwert, Führung, Beziehung. Ich skizziere sie hier als blogtaugliche Mini-Szenen und nicht als Zitat aus dem Volltext, sondern als verdichtete Praxisbilder:
1) Selbstwert: „Ich muss es allein schaffen, sonst zählt es nicht.“
Eine Klientin erlebt Unterstützung nicht als Geschenk, sondern als Beweis eigener Schwäche. Autonomie kippt dann in Perfektions- und Durchhalte-Programme: Nur wenn ich’s ohne Hilfe schaffe, bin ich okay. TA-seitig lohnt sich hier der Blick auf Skriptbotschaften und auf neue innere Erlaubnisse.
2) Führung: „Ich muss unabhängig entscheiden – sonst verliere ich Autorität.“
Eine Führungskraft verwechselt Autonomie mit Unangreifbarkeit. Feedback wird als Einmischung erlebt. Relationale Autonomie wäre hier: Ich kann entscheiden und ich kann in Kontakt bleiben – mit mir, mit dem Team, mit der Realität.
3) Beziehung: „Wenn du mir wichtig wirst, verliere ich mich.“
Nähe wird nicht als Nahrung, sondern als Gefahr erlebt. Autonomie als Beziehungsfähigkeit heißt dann: Grenzen setzen ohne Abwertung, Bindung zulassen ohne Selbstaufgabe.
Der TA-Anker: Autonomie als „Freisetzung“ von Fähigkeiten
Transaktionsanalytisch wird Autonomie häufig als Freisetzung von Bewusstheit, Spontaneität und Intimität beschrieben (Berne 1964). Spätere Arbeiten diskutieren Erweiterungen (z. B. Verantwortung) und Forschungszugänge, die Autonomie eng mit „Kontakt“ verknüpfen (van Beekum & Krijgsman 2000; Mellor 2008). Das passt gut zur relationalen Perspektive: Autonomie zeigt sich nicht nur „im Kopf“, sondern im Kontaktgeschehen. In dem, was zwischen Menschen möglich wird.
Was heißt das praktisch im Coaching?
[Wenn Autonomie zwischen Freiheit und Verbundenheit lebt, dann verändern sich auch Interventionen. Nicht im Sinne von „mehr Nähe ist immer gut“, sondern im Sinne von: Nähe wird verhandelbar.
Drei Fragen, die ich dafür gern nutze (als Einladung, nicht als Diagnose):
- Wovor schützt Sie Ihre Unabhängigkeit?
- Was wäre eine Form von Nähe, die Sie freiwillig wählen könnten?
- Woran würden Sie merken, dass Sie„bei mir“ bleiben – auch wenn wir verbunden sind?
Autonomie wird damit zu einem Übungsfeld: Ich kann mich spüren (Bewusstheit), ich kann neue Antworten ausprobieren (Spontaneität), und ich kann „echt“ werden, ohne Spiel und Maske (Intimität). Nicht als Mutprobe, sondern als gut gerahmte Entwicklung.
Zum Schluss: Autonomie als menschliche Reifeform
Wenn ich die Essenz ddes Artikels in einen Satz gießen würde, dann so: Autonomie ist die Kunst, frei zu sein, ohne unverbunden zu werden und verbunden zu sein, ohne sich zu verlieren.
Wenn Sie dieser Blick auf Autonomie anspricht: Der Artikel ist in der ZTA Zeitschrift für Transaktionsanalyse, Ausgabe 4/2025 (S. 420–434) erschienen.
Literatur
Berne, E. (1964) Games People Play. New York: Grove Press.
Bowlby, J. (1988) A Secure Base: Parent-Child Attachment and Healthy Human Development. London: Routledge.
Mackenzie, C. and Stoljar, N. (eds.) (2000) Relational Autonomy: Feminist Perspectives on Autonomy, Agency, and the Social Self. New York: Oxford University Press.
Mellor, K. (2008) ‘Autonomy with Integrity’, Transactional Analysis Journal, 38(3).
Orenstein, G.A. and Lewis, L. (2022) ‘Erikson’s Stages of Psychosocial Development’, StatPearls (NCBI Bookshelf).
Ryan, R.M. and Deci, E.L. (2000) ‘Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being’, American Psychologist, 55(1), 68–78.
van Beekum, S. and Krijgsman, B. (2000) ‘From Autonomy to Contact’, Transactional Analysis Journal.
Wehrs, T. (2025) ‘Autonomie – zwischen Freiheit und Verbundenheit: Eine kritische Reflexion aus relationaler transaktionsanalytischer Sicht’, ZTA Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 4, 420–434.