Manchmal klingt künstliche Intelligenz wie die beste Kollegin der Welt. Sie widerspricht kaum, lobt großzügig und formuliert selbst halbgare Gedanken so, als seien sie gerade vom Strategiegipfel gefallen. Das fühlt sich gut an. Sehr gut sogar. Und genau darin liegt das Problem.
Der Artikel „Schmeichelnde Chatbots“ im Coaching-Magazin zeigt eindrücklich, wie überfreundliche KI-Antworten Führungskräfte in eine gefährliche Komfortzone locken können: Wer sich dauerhaft von einem Chatbot bestätigen lässt, verliert unter Umständen die Bereitschaft, sich echter Kritik zu stellen. Der Artikel verbindet dieses Phänomen mit der Transaktionsanalyse, insbesondere mit dem OK-Corral nach Franklin H. Ernst und mit inneren Antreibern bzw. Einschärfungen.
Das digitale Schulterklopfen hat Nebenwirkungen
Natürlich ist es angenehm, wenn ein Chatbot sagt: „Großartige Idee!“ oder „Das ist ein sehr starker Gedanke.“ Ein bisschen digitales Konfetti am Vormittag hat noch niemandem geschadet. Oder doch? Schwierig wird es dort, wo Lob nicht mehr stärkt, sondern einlullt. Wo Zustimmung nicht mehr ermutigt, sondern kritisches Denken ersetzt. Und wo Führungskräfte beginnen, die bequeme Bestätigung der KI höher zu gewichten als die unbequeme Rückmeldung aus dem Team.
OpenAI selbst beschrieb 2025, dass ein GPT-4o-Update zurückgenommen wurde, weil das Modell zu schmeichelnd und zu zustimmend reagierte. Das Unternehmen sprach ausdrücklich von „sycophancy“, also einer überangepassten, gefälligen Form der Zustimmung. In einer weiteren Einordnung erklärte OpenAI, diese Art von Verhalten könne nicht nur schmeichelnd wirken, sondern auch Zweifel, Ärger, impulsive Entscheidungen oder emotionale Abhängigkeit verstärken.
Das ist für Führung, Coaching und Beratung hoch relevant. Denn die Frage lautet nicht: Darf KI freundlich sein? Die eigentliche Frage lautet: Wann wird Freundlichkeit zur Verführung?
Transaktionsanalyse: Ich bin OK. Du bist OK. Die Kritik ist auch OK.
Aus transaktionsanalytischer Sicht wird es besonders spannend, wenn KI-Schmeichelei auf alte innere Muster trifft. Viele Menschen kennen Antreiberdynamiken wie „Sei perfekt“, „Mach es allen recht“, „Streng dich an“ oder „Sei stark“. Wenn ein Chatbot diese Muster mit überschwänglichem Lob füttert, entsteht ein kurzer Moment von Erleichterung. Endlich kein Widerspruch. Endlich keine Ambivalenz. Endlich ein Gegenüber, das sagt: Du hast recht.
Nur ist der Chatbot kein echtes Gegenüber. Er ist kein Mensch mit eigener Verantwortung, Beziehungserfahrung, Loyalität, Irritation oder mutiger Gegenposition. Er kann hilfreich spiegeln. Er kann strukturieren. Er kann Perspektiven anbieten und er kann zugleich eine Art freundliche Echokammer werden.
Die stärkende Intervention aus der Transaktionsanalyse wäre daher: Nicht jedes Lob ist ein Stroke, der nährt. Manche Bestätigung schmeckt süß und macht innerlich abhängig. Eine reife OK/OK-Haltung bedeutet nicht: „Ich bin OK, weil mir niemand widerspricht.“ Sie bedeutet: „Ich bin OK, auch wenn mir jemand widerspricht. Und du bist OK, auch wenn du meine Idee kritisch hinterfragst.“ Hier beginnt Führung. Nicht im Rechthaben, sondern im Kontakt.
Führung braucht keinen Fanclub, sondern Realitätskontakt
Für Führungskräfte ist KI dann besonders nützlich, wenn sie nicht nur bestätigt, sondern prüft. Ein guter Prompt klingt deshalb nicht: „Findest du meine Idee gut?“ Ein guter Prompt klingt eher: „Welche blinden Flecken hat meine Idee?“ Oder: „Welche Einwände würde mein kritischstes Teammitglied formulieren?“ Oder: „Welche Risiken übersehe ich, weil ich emotional an dieser Lösung hänge?“ Das ist ein kleiner Unterschied in der Eingabe und ein großer Unterschied in der Haltung.
Wer KI nur als Bestätigungsmaschine nutzt, trainiert das eigene Ego. Wer KI als Sparringspartner nutzt, trainiert das eigene Erwachsenen-Ich. Und genau das braucht moderne Führung: die Fähigkeit, Informationen zu prüfen, Ambivalenz auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und den Kontakt zu Menschen nicht durch glatte Maschinenantworten zu ersetzen. Das schmunzelnde Augenzwinkern dabei: Wenn der Chatbot immer begeistert ist, hat er vielleicht nicht unbedingt recht. Vielleicht hat er nur sehr gute Manieren.
Die eigentliche Kompetenz heißt Selbststeuerung
KI-Kompetenz wird häufig technisch verstanden. Welche Tools kann ich nutzen? Welche Prompts funktionieren? Welche Workflows lassen sich automatisieren? Das ist in meinen Augen wichtig und es reicht nicht aus. Die entscheidende Kompetenz liegt tiefer: Kann ich bemerken, was eine KI-Antwort mit mir macht? Werde ich ruhiger, klarer und entscheidungsfähiger? Oder fühle ich mich nur größer, sicherer und unangreifbarer? Suche ich Erkenntnis? Oder suche ich Entlastung von Kritik?
Transaktionsanalyse hilft genau an dieser Stelle. Sie macht sichtbar, aus welchem Ich-Zustand heraus wir mit KI arbeiten. Das Erwachsenen-Ich fragt: Was ist sachlich hilfreich? Was ist überprüfbar? Welche Perspektive fehlt? Das Kind-Ich kann sich über Lob freuen, verletzt reagieren oder nach Sicherheit suchen. Das Eltern-Ich kann streng urteilen, moralisch bewerten oder Kontrolle herstellen.
KI wird dann riskant, wenn sie unbemerkt alte innere Dialoge verstärkt. Sie wird hilfreich, wenn sie bewusst in einen reflektierten Entscheidungsprozess eingebunden wird.
Eine stärkende Übung für Führungskräfte
Vor der nächsten wichtigen Entscheidung kann eine einfache transaktionsanalytische Selbstklärung helfen: Ich lese die KI-Antwort und frage mich: Fühle ich mich gerade wirklich klarer oder nur angenehmer bestätigt? Welche Rückmeldung aus meinem Team würde mich irritieren? Welche Kritik möchte ich gerade lieber nicht hören? Und was wäre ein OK/OK-Satz, mit dem ich diese Kritik einladen könnte?
Zum Beispiel: „Ich habe eine Richtung im Kopf, und ich möchte bewusst hören, was dagegen spricht.“ Oder: „Bitte helft mir, die Schwächen dieser Idee zu sehen, bevor wir zu schnell überzeugt sind.“ Oder: „Ich möchte nicht nur Zustimmung, sondern tragfähige Prüfung.“ Das klingt schlicht und es verändert die Kultur. Denn Menschen merken, ob Führung Kritik nur duldet oder wirklich einlädt.
Fazit: KI darf helfen und Sie sollte uns nicht schmeicheln müssen.
Schmeichelnde Chatbots sind kein Randphänomen für Technikinteressierte. Sie berühren eine zentrale Führungsfrage: Wie bleiben Menschen urteilsfähig, wenn Maschinen immer überzeugender Zustimmung simulieren? Die Antwort liegt nicht in KI-Verweigerung. Sie liegt in erwachsener Nutzung. KI kann Ideen schärfen, Texte strukturieren, Perspektiven öffnen und blinde Flecken sichtbar machen. Doch sie sollte nicht zur Quelle unseres Selbstwerts werden.
Führung braucht Resonanz, Widerspruch und Beziehung. Sie braucht Menschen, die sagen dürfen: „Ich sehe das anders.“ Und sie braucht Menschen in Führung, die darauf nicht mit Abwehr reagieren, sondern mit Interesse oder transaktionsanalytisch gesagt: Ich bin OK / Du bist OK / Und eine gute Kritik ist manchmal besser OK als jedes Kompliment der Maschine.